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Der Zahn der Zeit

Flederm?use stoben erschrocken in alle Richtungen davon, als die modrigen Schlossmauern von einem Gebr?ll erbebten, das sogar das Heulen der W?lfe und das gr?ssliche Gewitter zu ?bert?nen vermochte, das Schloss Grozav umtobte. Der alte Graf Liliac hatte soeben einen Wutanfall, der sich gewaschen hatte. Sein Gebiss war verschwunden. Und nicht nur das, auch Per?cke und H?rger?t waren unauffindbar.

Bei einem normalen Menschen w?re dies vielleicht kein Drama gewesen, bei Graf Liliac war die Sache durchaus heikler.

Nicht genug damit, dass ihn vor f?nfhundert Jahren ein ?beraus gefr??iger Vampir in diese missliche Lage gebracht hatte, indem er in nur einer Nacht die gesamte gr?fliche Familie in Vampire verwandelte. Diesem Umstand verdankte es der alte Graf, dass er das vergangene halbe Jahrtausend damit zugebracht hatte, ?ber seinen bedauernswerten Zustand wechselweise schrecklich zornig oder zutiefst deprimiert zu sein. Ihn hatte die Unsterblichkeit in einem Alter ereilt, in dem man sich angesichts des eigenen Verfalls l?ngst mit der Endlichkeit des Lebens abgefunden hatte. Ein zahnloser Greis mit einem Kopf kahl wie eine alte Kartoffel und obendrein schwerh?rig, verdammt zum ewigen Leben. Die Schm?hlichkeit seiner Situation vermochte Graf Liliac auch heute noch in Rage zu versetzen.

Zun?chst war er gezwungen gewesen, mit einem R?hrchen das Blut aus der ge?ffneten Halsschlagader der Opfer zu saugen, die sein Sohn Dragomir f?r ihn fing. Eine erb?rmliche Existenz. ?ber die Jahre hatte er das Beste aus seiner Situation gemacht. Er hatte sich eine Per?cke gefertigt, eines transsilvanischen Vampirs absolut w?rdig, mit an den Schl?fen ergrautem Haar und einem wunderbar spitz zulaufenden Haaransatz. Dazu ein Gebiss mit liebevoll gefeilten Eckz?hnen. Fr?her hatte er zum Orten seiner Opfer ein H?rrohr benutzt, was sich als sehr unpraktisch erwiesen hatte, da er stets nur eine Hand frei hatte. Schlie?lich hatte er es jedoch in der einh?ndigen Jagd aus der Luft zu einiger Meisterschaft gebracht.
?Lasset uns den Herren loben, alles Gute kommt von oben!? pflegte der alte Herr zu sagen, wenn er ?ber seinem Opfer schwebte und es ? schwuppdich ? mit festem Griff beim Kragen packte. Seine neueste Errungenschaft war ein H?rger?t, welches seinen n?chtlichen Jagderfolg noch gesteigert hatte.

Diese drei Gegenst?nde, so muss an dieser Stelle noch einmal betont werden, sicherten dem alten Grafen Liliac ein wertvolles St?ck Lebens- oder besser Untodesqualit?t, ohne die seine prek?re Lage nur schwer zu ertragen war. Es war also nicht g?nzlich unverst?ndlich, dass der alte Liliac ob ihres Verlustes derart ungehalten reagierte.

Als er sich beruhigt hatte, dachte er nach. Gut, bisweilen war er vergesslich. Vielleicht hatte er die Sachen verlegt. Es blieb ihm nichts ?brig, als seine Familie um Hilfe zu bitten. Er bot dem Finder sogar an, mit ihm den Sarg zu tauschen. Er als Familienoberhaupt besa? nat?rlich den ger?umigsten und bequemsten.

Bald waren s?mtliche Mitglieder der gr?flichen Familie damit besch?ftigt, das Schloss nach den verschwundenen Gegenst?nden auf den Kopf zu stellen. Liliacs Schwiegertochter Ioana hatte jeden Stein in der Gruft bereits zweimal umgedreht, Sohn Dragomir das Turmzimmer einer gr?ndlichen Inspektion unterzogen, Enkel Neculai und dessen Zwillingsschwester Aurica die ?brigen R?ume durchforstet. Argw?hnisch beobachtete der Alte seinen j?ngsten Enkel Alexandru, von den Zwillingen ?Mauli? genannt. Gro?vater Liliac war schon oft mit ihm aneinander geraten, Alexandru war n?mlich strikter Voluntarier.

Voluntarier waren eine relativ junge politische Bewegung unter den Untoten. Sie waren ?berzeugt, dass es m?glich sei, sich nur vom Blut freiwilliger Spender zu ern?hren. Sie brachen in Krankenh?user und Blutbanken ein und stahlen Blutkonserven oder ern?hrten sich sogar von vegetabilen Blutersatzstoffen auf Soja- und Rote-Bete-Basis. B?se Zungen behaupteten, militante Voluntarier w?rden auch vor gebrauchten Damen-Hygieneartikeln nicht zur?ckschrecken.
Graf Liliac hielt rein gar nichts von diesem neumodischen Firlefanz. Voluntarier waren seiner Meinung nach eine Schande f?r den gesamten transsilvanischen Vampirismus.

Pl?tzlich, w?hrend die Suche immer noch in vollem Gange war, h?rten sie ein ungewohntes Ger?usch. Das hei?t, alle bis auf den alten Liliac, der ja sein H?rger?t vermisste. Es war das Ger?usch des schweren, gusseisernen T?rklopfers am Eingangsportal. An dieser Stelle sollte vielleicht erw?hnt werden, dass die Liliacs aufgrund ihrer Wohnlage und Ern?hrungsgewohnheiten nur h?chst selten Besuch bekamen.

Erstaunt sahen sie sich an, als sie in der Eingangshalle aufeinander trafen. Schlie?lich ?ffnete Neculai die T?r. Drau?en stand ein reichlich durchn?sster, vor K?lte zitternder Herr im Anzug. Hinter ihm zerriss just in diesem Moment ein greller Blitz den schwarzen Nachthimmel und zauberte groteske Schatten auf die ohnehin bleichen Gesichter der gr?flichen Familie.
?Guten Abend?, sagte Neculai. ?Sie w?nschen??
?Ich... ich war unterwegs von Ploieşti nach Braşov und muss mich verfahren haben. ?rgerlicherweise blieb dann auch noch mein Auto liegen, aber Gott hat meine Gebete wohl erh?rt und mich zu diesem Schloss gef?hrt.?
Bei seinem letzten Satz war die gesamte gr?fliche Familie, mit Ausnahme des Alten, zusammengezuckt.
?Nun, ?hm...treten Sie doch ein?, l?chelte Neculai, darauf bedacht nicht zu viel seiner scharfen Eckz?hne zu entbl??en.
Der alte Graf beobachtete die Szene mit einer gewissen Zufriedenheit. Wenn er auch ohne Gebiss und H?rger?t nicht jagen konnte, so hatte ihm das Schicksal doch in Aussicht gestellt, dass er heute fr?h nicht ohne Nachtmahl zu Bett ? pardon, zu Sarg ? gehen w?rde. Sofort machte er sich auf die Suche nach seinem H?rrohr und dem Metallr?hrchen, das er in fr?heren, zahnlosen Zeiten zum Trinken hatte benutzen m?ssen.

Als der Alte aus der Gruft wieder auftauchte, hatte man den Gast schon aus seiner nassen Kleidung gepellt und, in einen weichen Bademantel und eine Wolldecke geh?llt, vor den Kamin im Salon gesetzt. Graf Liliac rieb sich die H?nde. Doch hatte er in f?nfhundert Jahren vampirischer Existenz gelernt, es auszukosten, wenn sich die Gelegenheit bot, noch ein wenig mit dem Opfer zu plaudern. Es war recht einsam in den Karpaten. So r?ckte der Graf seinen Lehnstuhl an den Kamin.
?F?hlen Sie sich schon ein bisschen besser?? fragte er unschuldig und hob das H?rrohr.
?Oh ja?, sagte der Fremde, ?haben Sie vielen Dank. Ich bin froh ?ber diese wundersame Rettung und danke Gott, dass er mich hergef?hrt hat.?
Schmerzhaft verzog Graf Liliac den Mund, nahm das H?rrohr vom Ohr und sch?ttelte es.
Der Fremde fuhr fort: ?Haben Sie schon einmal ?ber den Glauben nachgedacht? Ich w?rde Ihnen gerne von Jesus Christus und dem K?nigreich Gottes erz?hlen.?
Graf Liliac machte ein Gesicht, als habe er gerade in eine Zitrone gebissen.
?Guter Mann, ich w?re Ihnen sehr verbunden?, sagte er, ?wenn Sie diese beiden Namen in meiner Gegenwart nicht erw?hnten. Ich bin...?berzeugter Atheist.? Er l?chelte gequ?lt.
Best?rzt sah ihn der Fremde an. ?Aber das ist ja schrecklich! W?rden Sie denn nicht gerne zu jenen geh?ren, die bei der Tausendjahrherrschaft Christi...?
?Ich bitte Sie!? unterbrach der Graf den Gast unwirsch. Doch dieser lie? sich nicht beirren.
?M?chten Sie nicht zu jenen Menschen geh?ren, die Vollkommenheit erlangen und denen, wenn das K?nigreich Gottes kommt, ewiges Leben zuteil wird??
?Pah!? schnaubte der alte Graf ver?chtlich und sprang auf. ?Ewiges Leben, papperlapapp, wenn ich das schon h?re! Was verstehen Sie schon davon, Sie Gr?nschnabel?! Ich will Ihnen mal etwas ?ber das ewige Leben erz?hlen, mein Junge! Stellen Sie sich eine Ewigkeit mit Gelenkrheumatismus, Vergesslichkeit und Schwerh?rigkeit vor! Eine Ewigkeit in einer modrigen Gruft voller Flederm?use, in der es durch jede Ritze zieht!?
Der Mann starrte Graf Liliac mit offenem Mund an. Er hatte schon viel erlebt als Prediger der Zeugen Jehovas. Menschen, die Besessene mimten um ihn abzuwimmeln und sich ?ber ihn lustig zu machen. Doch jemand wie Graf Liliac war ihm noch nie begegnet.

?Nehmen Sie meinen Schwiegervater nicht ernst?, ert?nte Ioanas Stimme hinter ihnen. Sie trat zu ihnen an den Kamin und senkte die Stimme. ?Er ist...nicht ganz dicht.?
Zum Gl?ck hatte Graf Liliac das H?rrohr in diesem Augenblick kurz herunter genommen.
?Ich wollte nur fragen, ob Sie nicht eine Kleinigkeit zu Abend essen m?chten. Wir wollten gerade speisen.? Ioana l?chelte.
?Speisen!? rief Gro?vater Liliac erfreut. ?Eine ausgezeichnete Idee! Der erste sinnvolle Vorschlag, den ich heute von meiner Familie h?re.? Er benetzte die Lippen mit seiner Zunge. Auch sein Sohn Dragomir und die Enkel waren nun herangetreten und bildeten einen Halbkreis um die beiden M?nner am Kamin. Gespannt wartete Graf Liliac auf ihren Angriff. Doch nichts geschah.
?Nun, ?hm...? h?stelte Dragomir. ?Ich glaube, wir m?ssen es ihm endlich sagen.?
?Sagen? Was sagen?!? fragte der alte Graf skeptisch.
?Wir...?, begann Ioana, ?sind alle schon seit einiger Zeit Voluntarier. So, nun ist es raus.?
?L?cherlich!? protestierte der Alte, w?hrend der Prediger verwirrt in die Runde blickte.
?Ich hab doch gleich gesagt, dass er es nicht verstehen wird?, meinte Alexandru.
?Vielleicht k?nnte mich mal jemand aufkl?ren, was hier vor sich geht?? tobte der alte Graf, w?hrend der Prediger die Gelegenheit nutzte, um sich heimlich zu erheben und eiligst davonzustehlen.
?Nun ja?, erkl?rte Dragomir betreten. ?Wir ahnten, dass du nicht zuh?ren w?rdest. Und da haben wir beschlossen...na ja...dein Gebiss und dein H?rger?t zu verstecken.?

Es fegte ein Sturm durch das alte Gem?uer, der das Gewitter drau?en reichlich blass aussehen lie?. Der Alte tobte, krakeelte, schimpfte und prustete, bis er schlie?lich ersch?pft in den Lehnstuhl sank.

?Wir wollten, dass du es wenigstens versuchst, Vater?, begann Ioana vorsichtig. ?Es gibt eine ganz k?stliche Rote-Bete-Suppe und dazu frisches Blutplasma, Gruppe AB, Rhesus positiv. Bitte tu uns doch den Gefallen.? Sie l?chelte vers?hnlich und der Graf nickte resigniert: ?Nun gut.?

W?hrend er schweigend und verdrie?lich seine Suppe l?ffelte, beschloss Graf Liliac, dass ein Fossil wie er nicht mehr in diese Zeit passte. Er verstand diese Welt nicht und die Aussicht auf weitere f?nfhundert Jahre bei Rote-Bete-Suppe und Blut aus Plastikbeuteln lie?en ihn erschauern. Vielleicht war nun seine Zeit gekommen. Er l?chelte. Irgendwie hatte der Gedanke etwas Verlockendes. Er w?rde warten. Warten auf seinen ersten Sonnenaufgang nach f?nfhundert Jahren.
1.4.05 23:51
 


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