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Drei Fragezeichen







Königin der Nacht

Was f?r eine selten d?mliche Idee sich ausgerechnet hier zu treffen!
Um mich herum wuseln Menschen aller Nationalit?ten und Hautfarben, posieren f?r Fotos, lachen, schwatzen, sitzen auf den Stufen und picknicken oder lauschen dem Stra?enmusikanten mit den langen Haaren und der Lederjacke, der laut und ziemlich schr?g "Hey Jude" von den Beatles zum Besten gibt und sich dabei selbst auf der Gitarre begleitet. Trauben von Menschen schieben sich in Richtung der Theater oder der Kinos am Leicester Square.
"Am Eros-Brunnen", hatte er gemailt. Davon, dass der Eros-Brunnen mitten am verdammten Piccadilly Circus steht und dort allem Anschein nach abends die H?lle losbricht, hat er nat?rlich nichts geschrieben.
Wie soll man sich hier in diesem Gew?hl blo? finden? Ach ja. Noch so eine bescheuerte Idee...
Ich komme mir l?cherlich vor, als ich das Notenblatt aus meinem Rucksack fische und es deutlich sichtbar vor mich halte. Wenn ich doch wenigstens ein Foto von ihm h?tte. Na ja, eines, auf dem man auch sein Gesicht sieht.
Er hat mich einmal gefragt, wo ich bei einem Mann zuerst hinschaue. "Auf seine H?nde" hatte ich spontan geantwortet. Kurz sp?ter kam ein Brief aus England. Kein Wort, nur ein Umschlag mit einem Foto seiner H?nde. Sch?ne H?nde. K?nstlerh?nde. Er hatte auch nie ein Foto von mir gewollt. Das ?u?ere eines Menschen sage schlie?lich ?berhaupt nichts ?ber ihn aus, meinte Liam. So etwas war typisch f?r ihn. Schr?g, irgendwie exzentrisch, ein bisschen verr?ckt, aber doch auf dem Boden der Tatsachen. Er war schlagfertig, witzig und irgendwie anders. Genau das war es, was mich von Anfang an in Bann geschlagen hatte.

mozart_UK: Hi there!
cassie: Hi. U like Mozart?
mozart_UK: Nope. Just thought the nick would impress the ladies.
cassie: I see.
/mozart_UK whispers@cassie: Silly question?kind of begged for a silly answer. ;-) 'Course I like Mozart. And you?

Kann man jemanden lieben, den man nie zuvor gesehen hat? In der Anonymit?t des Internets den Traumprinzen finden? Den Mann, der zuh?ren kann, der Humor hat, der meine Leidenschaft f?r klassische Musik teilt, der romantisch sein kann und spontan, aber dann auch wieder ernst, nachdenklich und eine treue Seele? Und ich bin seine "K?nigin der Nacht". So nennt er mich, wenn er mir mailt oder wir telefonieren. Das gef?llt mir. Auch seine Stimme gef?llt mir. Vielleicht war ja auch alles nur Masche, sein Spiel. Vielleicht hat Manu Recht.

"Nach London fliegen? Mensch, du bist doch echt bekloppt. F?r irgend so einen Typen aus dem Chat?"
"Liam ist nicht irgend so ein Typ."
"Aber du kennst den doch ?berhaupt nicht, Caro. Das kann der totale Psycho sein!"
"Wir schreiben uns doch schon ein Jahr und telefonieren st?ndig."
"Aber Leute k?nnen sich verstellen. Pass blo? auf dich auf. Das k?nnte genauso gut ein Perverser sein oder ein M?rder, was wei?t du schon ?ber ihn? Fahr ja nicht direkt zu seiner Wohnung oder so. Mach irgendeinen Treffpunkt in der ?ffentlichkeit aus. Was wei? ich...ein Caf? oder so."

Nun, ?ffentlicher k?nnte der Treffpunkt wirklich nicht mehr sein. Ver?rgert drehe ich mich herum, als ich einen Ellenbogen in der Seite sp?re.
"Oh, I'm sorry, babe." Ein junger Mann mit aschblondem Wuschelkopf. Mensch, sieht der gut aus! Ganz dunkelbraune Augen mit unheimlich langen Wimpern. Er grinst breit, schaut dann neugierig auf mein Notenblatt, zwinkert mir zu und schlendert weiter.
Ob er das war? Das s?he Liam irgendwie ?hnlich, einfach weiterzugehen und zu warten, ob ich ihn anspreche. Ich schlucke, nehme meinen Mut zusammen und tippe dem fremden Mann auf die Schulter.
"?h...excuse me..." stammele ich und verfluche meinen scheu?lichen deutschen Akzent. Durch die Telefonate mit Liam hat er sich immerhin etwas abgeschw?cht. "Are you...Mozart?"
Der Mann schaut verwirrt, lacht schlie?lich los. "No, sorry, babe. I'm Bach."
Ich kann f?rmlich sp?ren, wie mir das Blut in die Wangen schie?t.
"Oh...", stottere ich, w?hrend ich mir w?nsche, dass sich der Erdboden auftut und mich verschluckt, "...sorry, I thought you were someone else."
Er grinst und meint, wenn meine Verabredung mich sitzen gelassen habe, k?nne ich ja mit ihm einen Kaffee trinken gehen. Ich lehne dankend ab und tauche so schnell es geht in die Menge.
Gott, wie peinlich!
Ich bin f?r so etwas nicht gemacht. Liam h?tte mir wenigstens seine Handynummer geben k?nnen. Dann w?re es wesentlich einfacher, ihn zu finden.

Aber das w?re nicht sein Stil. Viel zu einfach, zu einfallslos. Mir wird klar, er will, dass ich ihn suche, dass ich ihn irgendwie erkenne. Vielleicht will er aber auch einfach nur Zeit haben, mich vorher in Ruhe anzuschauen. Und wenn ich ihm nicht gefalle, dann geht er wieder, verschwindet, ohne sich etwas vergeben zu haben und meldet sich nie wieder. Das Herz rutscht mir in die Hose. Vielleicht war es doch ein Wahnwitz hierher zu kommen, um mich mit ihm zu treffen, mein Herz derart an einen Unbekannten zu h?ngen, von dem ich nicht wei?, ob er genauso empfindet. Der Flug war nicht gerade billig, von meinen Telefonrechnungen im letzten Jahr einmal ganz zu schweigen.

Entmutigt lasse ich mich auf die oberste Stufe der Treppe sinken und schaue dem bunten Treiben auf dem Piccadilly Circus ein bisschen zu: den Autos, Taxen und Bussen, wie sie sich, Sto?stange an Sto?stange um den Platz schieben und ?ber ihnen die funkelnden Neon-Reklamen blinken, ein riesiges Kirmeskarussell. Dar?ber throne ich, ?berschaue die bunte Masse der Touristen und Vergn?gungss?chtigen, die vorbeizieht, h?re das babylonische Sprachengewirr, das Hupen, das Dr?hnen des Verkehrs. Der junge Mann mit der Gitarre l?sst sich davon nicht schrecken und singt - beziehungsweise br?llt - "Whisky in the Jar".



An einer der Laternen steht eine dieser lebenden Statuen. Ein Mann in altert?mlicher Tracht und Per?cke, ganz mit Bronzefarbe angespr?ht. Ganz reglos steht er, verzieht keine Miene, so lange, bis jemand Geld in seinen Hut wirft.
Irgendwie finde ich diese Menschen unheimlich. Wie Clowns oder Pantomimen. Unter der ganzen Schminke und dem starren Gesichtsausdruck kann man nicht lesen, was in ihnen vorgeht. So ?hnlich wie im Chat, f?llt mir ein. Da bekommt man auch nur eine Fassade, eine Maske pr?sentiert.





Ein paar M?dchen sind bei dem Gitarrenspieler stehen geblieben und applaudieren. Sie werfen einige M?nzen in seinen Hut.
Da f?llt mir pl?tzlich etwas ein, das Liam am Telefon gesagt hat, als wir am Abend vor meinem Abflug noch einmal telefoniert haben.
"Always remember to bring enough small change. You never know when you may need it."
Warum sollte ich immer genug Kleingeld bei mir haben? Ich glaubte, er habe es gesagt, weil die Gesch?fte sich manchmal ziemlich zieren, gr??ere Scheine anzunehmen. Das hatte ich auch in meinem Reisef?hrer schon gelesen. Aber jetzt ist alles ganz klar! Kleingeld. Nat?rlich!!

Ich stehe von der Treppenstufe auf, klopfe den Staub von meiner Jeans und schl?ngele mich durch das vielfarbige Gewusel, w?hrend ich ein paar M?nzen aus meiner Geldb?rse krame und mit meinem Notenblatt wedele. Ich komme mir bescheuerter vor als je, aber das ist jetzt nicht wichtig. Das Kleingeld im Hut klimpert leise, als ich die M?nzen hineinwerfe.

Ein L?cheln macht sich auf dem Bronzegesicht breit und gr?ne Augen strahlen mich an.
Mozart steigt von seinem Gem?sekistensockel, verbeugt sich tief, nimmt meine Hand und ber?hrt sie sachte mit den Lippen.
"Welcome, Queen of the Night."
12.2.06 00:40
 


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